Zwischen den Zeiten und Welten: Karlsruhe trifft Budapest und Pécs

Kurier: Blickwechsel auf Ungarn


Kultur mit Politik gewürzt / Blick durch ehemaligen Stacheldraht nach Ungarn

(Lä) Nach Moskau, St. Petersburg, der Slowakei und Estland richten die 20. Europäischen Kulturtage Karlsruhe (EKT) ihren Blick abermals nach Osteuropa.

Ungarn habe die Welt verändert, sagte OB Heinz Fenrich bei der Vorstellung der Jubiläumsveranstaltung, die sich Budapest und Pécs mit dem Leitmotiv "Zwischen den Zeiten und Welten" widmet. Vom 17. April bis 8. Mai wollen die Stadt Karlsruhe und das Badische Staatstheater (BST) zusammen mit lokalen Kultureinrichtungen, Künstlern und Kulturschaffenden die Kunstszene, aber auch politische Tendenzen und Bedingungen in Budapest und Pécs, der Kulturhauptstadt 2010, darstellen und thematisieren.

Für die meisten Deutschen ist Ungarn keine Unbekannte. Wir blicken in Gedanken von der Fischerbastei in Budapest auf die gewaltige Kettenbrücke herab, lassen uns vom melancholischen Spiel des Zigeunergeigers in die Puszta entführen und denken gerne an Piroschka.

Aber nicht ungarische Romantik und Klischees, die vielleicht gar keine sind, weil sie irgendwie und irgendwann bei jedem Ungarnbesuch wahr werden, sind der Pfeffer dieses Festivals. Ungarns hierzulande wenig bekannte Kulturszene soll in Karlsruhe eine Bühne bekommen und Geschmack auf Kulturhappen machen, die nicht nur nach Paprika und Gulasch schmecken.

Kultur mit Romantik verbinden

"Wir wollen ungarische Kultur mit Bildern so genannter Ungarnromantik verbinden", nannte Kulturamtsleiterin Dr. Susannen Asche den Anspruch der Kulturtage. Ungarn sei das Land, das den Zaun nach Westeuropa durchtrennt habe, das beim Aufstand 1956 und nach dem Mauerfall 1989 "zwischen den Zeiten" stand. Asche: "Auf dieses ,Zwischen´ richtet sich unser Augenmerk."

Damit beschrieb die Chefin des städtischen Kulturbüros zugleich eine Neupositionierung diese "Herzstücks einer vielfältigen Kulturlandschaft im Südwesten" (OB Fenrich), die dem Kulturprogramm mit aktuellen politischen Komponenten eine neue, andere Profilierung durch inhaltliche Zuspitzungen geben will.

Ungarn immer wieder im Zentrum der Politik

Ungarn gehörte zum Ostblock, war aber von seinem Selbstverständnis und seiner Geschichte auch westlich orientiert. Politisch stand es immer wieder im Zentrum, verschwand dann aber wieder aus dem Blickwinkel der Medien.

Als Land mit einem rasanten politischen, gesellschaftlichen und damit einher gehenden kulturellen Wandel gilt es heute zusammen mit anderen osteuropäischen Staaten als ein Motor und Steuer für eine gesamteuropäische Entwicklung und die Festigung demokratischer Grundlagen.

Licht und Schatten, Schweres und Leichtes, Hohes und Tiefes soll erlebbar werden, das zwischen den Zeiten und Welten den Blick durch den ehemaligen Stacheldrahtzaun freigibt - vorbei an den Klischees der Paprikaschoten, hinein in die aktuelle Szene von Budapest und Pécs.

Mehr als 1000 Mitwirkende beteiligen sich an den Europäischen Kulturtagen Karlsruhe vom 17. April bis 8. Mai. Finanziell getragen wird das Festival von der Stadt (300.000 Euro) und dem Land (277.000 Euro)

Den Auftakt macht die Staatsoper Budapest im Badischen Staatstheater mit der Oper "Bluthochzeit": Laut BST-Intendant Achim Thorwald ein spanisches Thema aus ungarischer Sicht. Das Programmheft erscheint Mitte Februar.

Stimmen zu den Europäischen Kulturtagen

OB Heinz Fenrich: "Das Festival war nie ein Unterhaltungsdampfer für den schnellen Konsum. Es will den Alltag von Kultur und Kulturen in Europa abbilden."

Dietrich Birk (Kunststaatssekretär): "Mit Blick auf die engen Beziehungen zwischen Baden-Württemberg und Ungarn ist es ganz besonders erfreulich, das sich die Europäischen Kulturtage 2010 dieser Partnerschaft widmen."

Tibor Keresztury (Direktor ungarisches Kulturinstitut in Stuttgart): "Das Festival ist eine riesengroße Sache für Ungarn und eine große Chance für die ungarische Kultur."

Achim Thorwald (Generalintendant Badisches Staatstheater): "Die Europäischen Kulturtage präsentieren sich als das Gesamtprodukt einer Stadt. Die Forderung auf der jüngsten Intendantentagung, mehr Partner in der Kulturszene zu finden, hat sich in Karlsruhe erfüllt. Hier gibt es bereits eine große Dichte von Kulturschaffenden, die zusammenarbeiten...Kulturtage in Karlsruhe, das ist eine Kulturpräsentation, wie sie nicht allgemein bekannt ist. Hier fragen wir, nach den Nischen, dam ganz Anderen, den Sprachinseln."

Knut Weber (Schauspieldirektor am Badischen Staatstheater): "Die Theaterszene in Budapest bietet eine unglaubliche Vielfalt der Genres. Sogar montagnachmittags sind in den Außenbezirken die Häuser ausverkauft. Zu beobachten ist, mit welcher Aufmerksamkeit die Überwindung des Kommunismus und die Präsenz von Rechtsradikalismus behandelt werden. Die Gegenwarts-Produktionen aus Budapest sind in Karlsruhe simultan übersetzt oder übertitelt."

Dr. Susanne Asche (Leiterin des städtischen Kulturamtes): "Ungarn war für den europäischen Werdegang politisch sehr bedeutend und ist seit 2004 EU-Mitglied. Das Plakat zeigt rote und grüne Chilischoten, aber auch einen durchtrennten Zaun. Wir spielen mit Klischees, und unterlaufen sie mit unserem Veranstaltungsprogramm."

(Quelle: StadtZeitung Karlsruhe)

Programm unter http://www.europaeische-kulturtage.de/ 

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