20 Jahre Fall des Eisernen Vorhanges

Rede von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz anlässlich der Feier zum 20jährigen Jubiläum des Falls des Eisernen Vorhanges am offiziellen Festakt der ungarischen Regierung am 27. Juni 2009 in Budapest

Zusammenfassung

1989 ging in Erfüllung, was in Ungarn bereits 1956 das Ziel war: die Befreiung von einem diktatorischen Regime. Die Aufbruchstimmung von 1989 sollte uns auch heute wieder den Mut zu einem Aufbruch geben aus der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Rede

Herr Präsident,
Herr Premierminister,
Frau Parlamentspräsidentin,
Exzellenzen,
Meine Damen und Herren,

Der ungarische Volksaufstand im Jahre 1956 und seine brutale Niederschlagung durch die sowjetischen Truppen führten in der Schweiz zu einer beispielslosen Solidaritätswelle. 13'000 ungarische Flüchtlinge fanden in unser Land. Sie wurden vom Schweizer Volk wie Helden begrüsst. Sie und ihre Nachfahren sind willkommene Bewohner und Mitbürger unseres Landes geworden. Die ungarische Revolution stellte für die Schweiz ein emotional aufwühlendes Nachkriegsereignis dar. Es politisierte viele junge Menschen. Ich war damals zwar erst 14 Jahre alt, habe aber klar wahrgenommen, dass in Osteuropa für Werte gekämpft wurde, die auch uns Schweizern höchstes Gut bedeuten, nämlich die Unabhängigkeit des Landes und die Freiheit der Bürger. Zehn Jahre später erfuhr ich diesen Freiheitsdrang während eines Studienaufenthaltes in Brünn persönlich. Die tschechischen Mitstudenten lauschten fasziniert unseren Schilderungen vom freiheitlichen Westen. Während der Besetzung 1968 schmuggelte ich sodann einen slowakischen Freund durch den Eisernen Vorhang. Die Wende, als sich West und Ost 20 Jahre später endlich die Hand reichten, hat mich deshalb besonders berührt. 1989 ging in Erfüllung, was bereits 1956 das Ziel war: die Befreiung Ungarns von einem undemokratischen Regime. Innerhalb von wenigen Monaten warfen progressive Kräfte die zementiert geglaubte Nachkriegsordnung über den Haufen. Im Juni 1989 schlug Ungarn mit der Öffnung seiner Westgrenze die entscheidende Bresche in den Eisernen Vorhang. Heute können sich unsere Kinder und Enkel kaum mehr vorstellen, was diese Grenzöffnung bedeutet hat. Sie müssen bei ihren Reisen innerhalb von Europa ja nicht einmal mehr einen Pass zeigen.

Viele beherzte Protagonisten von 1989 sind heute hier versammelt. Ich danke ihnen für ihren Mut und ihre Voraussicht. Europa ist heute wieder vereint.

Was von 1989 im kollektiven Gedächtnis bleibt, sind jedoch nicht nur die Tausenden von Menschen, welche über Zäune und Grenzbäume drängten. 1989 herrschte auch politisch eine eigentliche Aufbruchstimmung. Heute wünsche ich mir ein Stück dieser Aufbruchstimmung angesichts der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise zurück. Es gibt wohl kaum einen Staat, welcher nicht von der Krise betroffen ist. Auch Ungarn musste schmerzhafte Schritte einleiten. Die Ereignisse von 1989 sollten uns zum Aufbruch ermutigen. Die Krise ist eine Chance, uns wieder gesellschaftlicher und menschlicher Werte zu besinnen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass hinter den Finanzströmen und Finanztransaktionen Menschen stehen. Menschen, die arbeiten wollen. Menschen, die in der Finanzmarktkrise vom Ersparten oder gar ihr Haus verloren haben.

Die politischen Kräfte von 1989 haben veranschaulicht, zu welchen Zielen menschlicher Wille führen kann, wenn er – um mit Goethe zu sprechen – vom Geiste recht erleuchtet ist.